BMI im Rollstuhl

Bei dauerhafter Rollstuhlnutzung, besonders nach einer Querschnittlähmung, verschiebt sich die Körperzusammensetzung so stark, dass die WHO-Grenzwerte den Fettanteil systematisch unterschätzen. Der BMI bleibt berechenbar – er braucht nur eine andere Lesart.

BMI berechnen (Ausgangswert)

Größe und Gewicht eingeben – der BMI wird sofort berechnet.

Warum die Standardgrenzen nicht passen

Unterhalb einer Rückenmarkverletzung baut die Muskulatur innerhalb von Monaten deutlich ab, die Knochendichte sinkt, und an ihre Stelle tritt Fettgewebe. Das Gesamtgewicht kann dabei gleich bleiben oder sogar fallen – der Fettanteil steigt trotzdem. Zwei Männer mit 1,76 m und 68 kg haben denselben BMI von 68 ÷ (1,76 × 1,76) = 68 ÷ 3,0976 = 22,0. Beim gehfähigen Mann entspricht das einem Körperfettanteil um 18 %, bei einer langjährigen Querschnittlähmung können es bei identischem BMI deutlich über 25 % sein. Die WHO-Schwelle von 30 für Adipositas erfasst diesen Zustand nicht, weil sie an einer Bevölkerung geeicht wurde, in der ein bestimmter BMI einen bestimmten Fettanteil bedeutet.

In der Fachliteratur zur Querschnittlähmung wird deshalb seit Jahren diskutiert, die Adipositas-Schwelle für diese Gruppe abzusenken – häufig genannt wird ein Wert um BMI 22 statt 30. Das ist ein Vorschlag aus der Rehabilitationsforschung und keine offizielle WHO-Klassifikation. Nehmen Sie ihn als das, was er ist: ein Hinweis, dass ein BMI von 24 in dieser Situation aufmerksamer zu bewerten ist als bei einer gehfähigen Person, und ein Argument dafür, die Körperzusammensetzung direkt zu messen statt sich auf die Verhältniszahl zu verlassen.

AspektGehfähige PersonDauerhafte Rollstuhlnutzung
Adipositas-GrenzeBMI ab 30 (WHO)in der Fachliteratur wird ein Wert um 22 diskutiert
Muskelmasseweitgehend erhaltenunterhalb der Läsion deutlich reduziert
Körperfett bei BMI 22meist im Normbereichhäufig deutlich erhöht
Größe messenim Stehenim Liegen, über Armspannweite oder Kniehöhe
Gewicht messenPersonenwaageRollstuhlwaage oder Sitzwaage, Leergewicht abziehen
Aussagekräftigste ErgänzungTaillenumfangTaillenumfang im Liegen plus Gewichtsverlauf

Größe und Gewicht überhaupt erst korrekt erfassen

Bevor die Bewertung zum Problem wird, ist es die Messung. Für die Körpergröße gilt: Der beste Wert ist die dokumentierte Größe aus der Zeit vor der Erkrankung oder Verletzung. Ist sie nicht bekannt, wird im Liegen auf einer festen Unterlage gemessen – bei Spastik, Kontrakturen oder Skoliose liefert das allerdings zu kurze Werte. Klinisch werden dann Armspannweite oder Kniehöhe gemessen und über Referenzformeln umgerechnet; diese Formeln unterscheiden sich nach Geschlecht und Herkunft und gehören in fachliche Hände.

Für das Gewicht gibt es drei praktikable Wege: eine Rollstuhlwaage als Plattform, auf die Sie mitsamt Rollstuhl fahren und von deren Anzeige Sie das Leergewicht des Rollstuhls abziehen (es steht meist im Typenschild oder in den Herstellerunterlagen); eine Sitz- oder Stuhlwaage, wie sie in Praxen und Kliniken verbreitet ist; oder eine Lifterwaage. Eine normale Personenwaage im Bad ist nur brauchbar, wenn kurzes Stehen sicher möglich ist. Wichtig ist in jedem Fall die Konstanz: dieselbe Waage, derselbe Wochentag, dieselbe Kleidung, mit oder ohne Hilfsmittel – aber immer gleich.

Was aussagekräftiger ist als der BMI

Taillenumfang. Er misst genau das, was der BMI hier verfehlt: Bauchfett. Gemessen wird bei liegender Position auf halber Höhe zwischen unterstem Rippenbogen und Beckenkamm, am Ende einer normalen Ausatmung. Die üblichen Grenzwerte von 94 und 102 cm für Männer sowie 80 und 88 cm für Frauen sind an Gehfähigen entwickelt worden und für diese Gruppe nicht validiert – als Verlaufsgröße sind sie trotzdem die beste einfache Zahl, die Sie haben. Die Technik beschreibt die Seite Taillenumfang messen.

Körperfettanteil. Bioimpedanzwaagen setzen bei ihrer Berechnung eine typische Verteilung von Muskel- und Fettgewebe voraus, die hier nicht zutrifft – die absoluten Werte sind daher mit Vorsicht zu lesen. Für den Verlauf über Monate bleiben sie dennoch nützlich, solange Sie immer unter denselben Bedingungen messen. Mehr dazu auf der Seite Körperfettanteil berechnen.

Gewichtsverlauf. Die praktisch wichtigste Größe. Ein ungewollter Verlust von mehr als 5 % des Körpergewichts in drei bis sechs Monaten ist ein Grund für eine ärztliche Abklärung, unabhängig vom BMI-Wert. Umgekehrt ist eine schleichende Zunahme von 3 bis 4 kg pro Jahr ein Signal, das der BMI erst Jahre später als Klassenwechsel anzeigt.

Weitere Störfaktoren, die den Wert verzerren

Drei Dinge verändern die Zahl, ohne dass sich die Körperzusammensetzung ändert. Ödeme – Wassereinlagerungen in Beinen oder Rumpf – können mehrere Kilogramm ausmachen und den BMI um ein bis zwei Punkte nach oben treiben; sie sind Wasser, kein Fett, und ihre Ursache gehört ärztlich geklärt. Spastik erhöht den Energieverbrauch und kann Gewichtsverlust begünstigen, während sie zugleich die Größenmessung im Liegen erschwert. Amputationen als Begleitsituation erfordern zusätzlich einen Korrekturfaktor; wie der gerechnet wird, steht auf der Seite BMI nach Amputation. In all diesen Fällen gilt: Der BMI ist kein falscher Wert, aber ein unvollständiger – er beschreibt ein Verhältnis, nicht einen Körper. Weitere Kennzahlen und ihre Stärken finden Sie auf der Seite Alternativen zum BMI, die grundsätzlichen Schwächen des Index auf der Seite Kritik am BMI.

Häufige Fragen

Gilt der normale BMI für Rollstuhlfahrer?

Berechnen lässt er sich, aber die WHO-Grenzen unterschätzen den Fettanteil bei dauerhafter Rollstuhlnutzung. In der Fachliteratur zur Querschnittlähmung wird eine deutlich niedrigere Adipositas-Schwelle um 22 diskutiert.

Wie messe ich meine Körpergröße, wenn ich nicht stehen kann?

Am zuverlässigsten ist die dokumentierte Größe von vor der Verletzung. Sonst wird im Liegen gemessen oder über Armspannweite und Kniehöhe geschätzt, was in fachliche Hände gehört.

Wie wiege ich mich im Rollstuhl?

Mit einer Rollstuhlwaage und Abzug des Leergewichts, mit einer Sitzwaage oder mit einer Lifterwaage. Entscheidend ist, immer unter denselben Bedingungen zu wiegen.

Welche Zahl ist aussagekräftiger als der BMI?

Der Taillenumfang und vor allem der Gewichtsverlauf über Monate. Ein ungewollter Verlust von mehr als 5 Prozent in drei bis sechs Monaten sollte ärztlich abgeklärt werden.

Verfälschen Ödeme den BMI?

Ja. Wassereinlagerungen können mehrere Kilogramm ausmachen und den BMI um ein bis zwei Punkte anheben, ohne dass Fett zugenommen hat.

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