Die Geschichte des BMI
Die Formel Gewicht geteilt durch Größe im Quadrat ist fast zweihundert Jahre alt. Sie stammt von einem Statistiker, der den Durchschnittsmenschen beschreiben wollte – Medizin war nie ihr Zweck.
1832: Adolphe Quetelet und der Durchschnittsmensch
Der belgische Astronom, Mathematiker und Sozialstatistiker Lambert Adolphe Jacques Quetelet veröffentlichte 1832 und ausführlicher 1835 in seinem Werk über den Menschen und die Entwicklung seiner Fähigkeiten die Beobachtung, dass das Körpergewicht erwachsener Menschen ungefähr mit dem Quadrat der Körpergröße wächst – bei Kindern hingegen nicht. Sein Ziel war die Beschreibung eines statistischen Mittelwerts, des sogenannten homme moyen, und die Anwendung der Normalverteilung auf menschliche Merkmale. Er wollte weder Krankheiten erkennen noch Empfehlungen für Einzelpersonen ableiten. Der nach ihm benannte Quetelet-Index blieb über hundert Jahre eine Größe der Bevölkerungsstatistik. Warum die Größe dabei quadriert wird und was das rechnerisch bedeutet, erklärt die Seite BMI-Formel.
1871: Der Broca-Index als konkurrierender Ansatz
Der französische Arzt und Anthropologe Paul Broca schlug eine Faustregel vor, die ohne Quadrieren auskam: Normalgewicht in Kilogramm gleich Körpergröße in Zentimetern minus 100. Für 1,70 m ergibt das 70 kg, für 1,80 m 80 kg. Das Idealgewicht wurde davon noch einmal um 10 % (Männer) beziehungsweise 15 % (Frauen) abgezogen. Die Regel war leicht zu merken und setzte sich in der ärztlichen Praxis schnell durch – ihre Schwäche zeigt sich an den Rändern: Bei 1,50 m liefert sie 50 kg, was einem BMI von 22,2 entspricht, bei 1,95 m dagegen 95 kg und damit einem BMI von 25,0. Der Vergleich steht auf der Seite Broca-Index.
1943 bis 1983: Die Tabellen der Lebensversicherer
Den größten praktischen Einfluss hatte lange nicht die Wissenschaft, sondern die Versicherungsbranche. Die Metropolitan Life Insurance Company in New York veröffentlichte ab 1943 Tabellen mit „wünschenswerten Gewichten“ nach Größe, Geschlecht und Körperbau, überarbeitet 1959 und 1983. Grundlage waren die Sterbedaten der eigenen Versichertenbestände. Diese Tabellen prägten den Begriff Idealgewicht im allgemeinen Sprachgebrauch. Ihre bekannten Schwächen: Die Versicherten waren keine repräsentative Stichprobe, Größe und Gewicht wurden teils in Schuhen und Kleidung erfasst, und die Einteilung in kleinen, mittleren und großen Körperbau beruhte auf Selbstauskunft. Was heute als Idealgewicht gilt, zeigt unsere Seite Idealgewicht nach Größe.
1972: Ancel Keys tauft den Body-Mass-Index
Der US-amerikanische Physiologe Ancel Keys verglich 1972 in einer Arbeit über Indizes des relativen Gewichts mehrere Formeln daraufhin, wie gut sie mit dem gemessenen Körperfettanteil übereinstimmen. Der alte Quetelet-Index schnitt dabei am besten ab – besser als das relative Gewicht nach Versicherungstabellen und besser als der Ponderal-Index. Keys gab ihm den Namen Body Mass Index und wies zugleich ausdrücklich darauf hin, dass er für Populationsvergleiche geeignet ist, nicht für die individuelle Diagnostik. Diese Einschränkung ging in den folgenden Jahrzehnten weitgehend verloren – sie ist der Kern dessen, was heute unter Kritik am BMI zusammengefasst wird.
| Jahr | Person oder Institution | Beitrag |
|---|---|---|
| 1832/1835 | Adolphe Quetelet | Gewicht wächst etwa mit dem Quadrat der Größe; Quetelet-Index |
| 1871 | Paul Broca | Normalgewicht = Größe in cm − 100 |
| 1943–1983 | Metropolitan Life Insurance | Tabellen wünschenswerter Gewichte nach Größe und Körperbau |
| 1972 | Ancel Keys | Name Body Mass Index; Quetelet-Index als bester Index |
| 1985 | US-Konsensuskonferenz | BMI ersetzt Versicherungstabellen in der Definition von Übergewicht |
| 1995–1997 | WHO | Klassifikation 18,5 / 25 / 30 mit Adipositasgraden I–III |
| 1998 | NIH, USA | Übergewichtsgrenze wird auf 25 gesenkt |
| 2000 | WHO | Bericht zur weltweiten Adipositas festigt die Grenzwerte |
| 2004 | WHO | ergänzende Handlungsschwellen für asiatische Bevölkerungen |
1995 bis 2000: Die WHO macht Zahlen zu Klassen
Erst in den 1990er-Jahren bekam der BMI die Form, in der wir ihn heute kennen. Eine WHO-Expertengruppe legte die Einteilung fest, die inzwischen weltweit gilt: Untergewicht unter 18,5, Normalgewicht 18,5 bis 24,9, Übergewicht 25 bis 29,9, Adipositas Grad I 30 bis 34,9, Grad II 35 bis 39,9 und Grad III ab 40. Der WHO-Bericht zur weltweiten Zunahme von Adipositas aus dem Jahr 2000 verankerte diese Schwellen endgültig in Public Health, Leitlinien und Statistik. Seither ist der BMI weniger eine Messgröße als eine Sprache: Wenn das Robert Koch-Institut, die DGE oder die Deutsche Adipositas-Gesellschaft über Gewichtsverteilungen sprechen, tun sie es in diesen Klassen. Die vollständige Einteilung mit Gewichtsspannen nach Größe finden Sie in der BMI-Tabelle.
1998: Ein Federstrich verschiebt Millionen Menschen
Ein Detail zeigt, wie sehr die Klassen Vereinbarungen sind und keine Naturkonstanten. In den USA galt bis 1998 die Übergewichtsgrenze von 27,8 für Männer und 27,3 für Frauen. Als das National Institutes of Health die Grenze auf den WHO-Wert von 25 senkte, wechselten über Nacht Millionen Menschen die Kategorie, ohne ein Gramm zugenommen zu haben. Der Schritt war fachlich begründet – die internationale Vergleichbarkeit war zuvor nicht gegeben –, aber er macht deutlich: Wo genau die Linie zwischen 24,9 und 25,0 verläuft, ist eine Konvention. Deshalb ist ein Wert knapp über der Grenze auch kein Befund, sondern ein Anlass, den Taillenumfang dazuzunehmen.
Was die Geschichte für Ihre Zahl bedeutet
Drei Dinge lassen sich aus dieser Entwicklung mitnehmen. Erstens: Die Formel stammt aus der Bevölkerungsstatistik, nicht aus der Klinik – deshalb beschreibt sie Gruppen besser als Einzelne. Zweitens: Die Grenzwerte sind das Ergebnis von Expertenkonsens, nicht einer einzelnen Messung; sie haben sich mehrfach geändert und wurden 2004 für asiatische Bevölkerungen ergänzt. Drittens: Der BMI hat sich gegen ältere Konkurrenten wie den Broca-Index und die Versicherungstabellen durchgesetzt, weil er reproduzierbar, kostenlos und über Länder hinweg vergleichbar ist – nicht, weil er den Körper am genauesten beschreibt. Wer heute mehr wissen will als die Klasse, ergänzt ihn um eine zweite Zahl; welche das sein kann, steht auf der Seite Alternativen zum BMI. Und wenn Sie ausrechnen wollen, wo Sie in dieser fast zweihundert Jahre alten Systematik landen: Der BMI-Rechner auf der Startseite zeigt WHO-Klasse und altersangepasste Einordnung zugleich.
Häufige Fragen
Wer hat den BMI erfunden?
Die Formel stammt von Adolphe Quetelet aus den Jahren 1832 und 1835. Den Namen Body Mass Index gab ihr erst Ancel Keys im Jahr 1972.
Wofür war der BMI ursprünglich gedacht?
Für die Bevölkerungsstatistik. Quetelet suchte eine Beschreibung des Durchschnittsmenschen, nicht ein Instrument zur Beurteilung einzelner Patientinnen und Patienten.
Seit wann gilt die Grenze von 25?
International seit der WHO-Klassifikation der 1990er-Jahre. In den USA galt bis 1998 eine höhere Grenze von 27,8 für Männer und 27,3 für Frauen.
Was hat der BMI mit Lebensversicherungen zu tun?
Vor dem BMI bestimmten die Gewichtstabellen amerikanischer Lebensversicherer, was als wünschenswertes Gewicht galt. Sie beruhten auf Sterbedaten der eigenen Versicherten.
Haben sich die BMI-Grenzen seither geändert?
Die Hauptklassen sind seit den 1990er-Jahren stabil. Ergänzt wurden 2004 niedrigere Handlungsschwellen für asiatische Bevölkerungen.