Übergewicht bei Kindern erkennen und einordnen

Von Übergewicht spricht man bei Kindern und Jugendlichen, wenn der BMI zwischen P90 und P97 der alterstypischen Referenzkurve liegt; über P97 beginnt Adipositas. Feste Grenzwerte wie bei Erwachsenen gelten erst ab 18 Jahren.

BMI und Perzentil des Kindes berechnen

Größe und Gewicht eingeben – der BMI wird sofort berechnet.

Ab wann ist ein Kind übergewichtig?

Die Einordnung erfolgt über Perzentilen, also über den Vergleich mit gleichaltrigen Kindern desselben Geschlechts. Grundlage sind in Deutschland die Referenzwerte nach Kromeyer-Hauschild auf Basis bundesweiter Erhebungsdaten. Wie diese Kurven zustande kommen und wie man sie liest, erklärt die Seite zu BMI-Perzentilen bei Kindern.

PerzentilbereichEinordnungBeispiel: BMI mit 10 Jahren (Junge / Mädchen)
unter P3starkes Untergewichtunter 13,7 / 14,0
P3 – P10Untergewicht13,7–14,7 / 14,0–14,9
P10 – P90Normalgewicht14,7–20,5 / 14,9–21,0
P90 – P97Übergewicht20,5–23,0 / 21,0–23,5
über P97Adipositasüber 23,0 / über 23,5

Ein Zahlenbeispiel: Ein 10-jähriger Junge mit 1,45 m und 48 kg hat einen BMI von 48 ÷ (1,45 × 1,45) = 48 ÷ 2,1025 = 22,8. Das liegt zwischen P90 (20,5) und P97 (23,0) – Übergewicht, aber noch keine Adipositas. Nach WHO-Erwachsenenmaßstab wäre 22,8 sogar Normalgewicht; genau deshalb führt die Erwachsenentabelle bei Kindern in die Irre. Jahrgangsgenaue Werte für ältere Kinder stehen etwa auf den Seiten zum BMI mit 12 Jahren und zum BMI mit 14 Jahren.

Warum der Verlauf wichtiger ist als der Einzelwert

Ein einzelner Wert über P90 ist kein Urteil. Aussagekräftig wird die Sache erst durch die Linie: Wandert der BMI eines Kindes innerhalb eines Jahres von P50 auf P90, ist das ein Signal, obwohl beide Punkte formal noch im Normalbereich liegen. Bleibt ein Kind dagegen seit Jahren stabil auf P93, wächst gut und ist beschwerdefrei, ist die Lage entspannter. Ein zweiter Blickwinkel ist der Zeitpunkt des sogenannten Adipositas-Rebounds: Der mittlere BMI sinkt bis etwa zum sechsten Lebensjahr und steigt danach wieder. Beginnt dieser Wiederanstieg deutlich früher, etwa mit vier Jahren, ist das ein bekannter Hinweis auf ein erhöhtes Risiko für späteres Übergewicht.

Der BMI unterscheidet außerdem nicht zwischen Muskel- und Fettmasse. Ein kräftig gebautes, sportliches Kind kann bei P90 liegen, ohne überschüssiges Fett zu haben. Hier helfen ergänzende Beobachtungen: Wird Kleidung enger? Ist der Bauchumfang auffällig? Kommt das Kind bei Belastung schnell außer Atem? Solche Beobachtungen sagen mehr als eine Nachkommastelle.

Ursachen: selten eine einzelne

In den allermeisten Fällen ist Übergewicht bei Kindern das Ergebnis vieler kleiner Alltagsfaktoren, nicht einer Krankheit oder mangelnder Disziplin. Beteiligt sind eine familiäre Veranlagung, die die Neigung zur Gewichtszunahme beeinflusst; flüssige Kalorien aus Softdrinks, Säften und Milchmixgetränken, die nicht satt machen; unregelmäßige Mahlzeiten und ausgelassene Frühstücke; Portionsgrößen, die mit dem Alter mitgewachsen sind; wenig Alltagsbewegung durch Schulwege im Auto und lange Bildschirmzeiten; zu wenig Schlaf, der die Appetitregulation stört; sowie Stress in Schule oder Familie. Seltene hormonelle Ursachen wie eine Schilddrüsenunterfunktion oder bestimmte Medikamente kommen vor – dann fällt meist auf, dass das Kind gleichzeitig langsamer wächst. Wer schnell und ohne erkennbaren Grund zunimmt und dabei im Längenwachstum zurückbleibt, gehört ärztlich untersucht.

Mögliche Folgen – sachlich betrachtet

Übergewicht im Kindesalter erhöht die Wahrscheinlichkeit, auch als Erwachsener übergewichtig zu sein, und zwar umso mehr, je älter das Kind bereits ist. Medizinisch relevant sind erhöhter Blutdruck, ungünstige Blutfettwerte, eine Vorstufe des Typ-2-Diabetes, eine Fettleber sowie Belastungen für Knie, Hüfte und Wirbelsäule. Mindestens ebenso wichtig sind die psychosozialen Folgen: Hänseleien, Rückzug aus dem Sportunterricht, geringeres Selbstwertgefühl. Diese Seite dramatisiert nichts – aber sie beschönigt auch nicht, dass frühes Handeln leichter ist als spätes. Die allgemeinen Zusammenhänge für Erwachsene finden Sie auf der Seite zu Übergewicht.

Was Familien tun können – ohne Diät

Diäten sind bei Kindern und Jugendlichen der falsche Weg: Sie gefährden Wachstum und Nährstoffversorgung und erhöhen das Risiko für gestörtes Essverhalten. Das Ziel bei einem wachsenden Kind heißt in der Regel nicht abnehmen, sondern Gewicht halten, während das Kind weiterwächst. Ein 11-Jähriger, der sein Gewicht zwei Jahre lang stabil hält und dabei 12 cm wächst, verschiebt seinen BMI ganz von allein von P95 in Richtung P75 – ohne ein einziges Mal zu hungern. Bei 16- oder 17-Jährigen greift diese Strategie kaum noch, weil das Längenwachstum fast abgeschlossen ist.

AnsatzpunktKonkreter Schritt
GetränkeWasser und ungesüßter Tee als Standard, Softdrinks und Säfte nur zu besonderen Anlässen
MahlzeitenrhythmusDrei Mahlzeiten und höchstens zwei geplante Snacks, kein Dauersnacken nebenbei
BewegungMindestens 60 Minuten am Tag, davon möglichst viel Alltagsbewegung wie Schulweg zu Fuß oder mit dem Rad
BildschirmzeitFeste Zeiten vereinbaren, keine Geräte und kein Essen im Kinderzimmer
SchlafRegelmäßige Schlafenszeiten, Grundschulkinder brauchen rund 9 bis 11 Stunden
FamilienregelnGelten für alle, nicht nur für das betroffene Kind – niemand isst am Tisch etwas anderes

Ebenso wichtig ist der Ton. Kommentieren Sie nicht den Körper Ihres Kindes, weder kritisch noch lobend, und machen Sie die Waage nicht zum wöchentlichen Ereignis. Wenn Sie merken, dass Ihr Kind heimlich isst, Mahlzeiten auslässt, exzessiv Sport treibt oder das Thema Gewicht das Denken bestimmt, holen Sie sich Unterstützung: Das kostenfreie und anonyme Beratungstelefon der BZgA zu Essstörungen erreichen Sie unter 0221 89 20 31. Auch die Gegenrichtung ist ernst zu nehmen – zu den Risiken eines zu niedrigen Gewichts informiert die Seite zu Untergewicht.

Wann professionelle Hilfe sinnvoll ist

Vereinbaren Sie einen Termin beim Kinder- und Jugendarzt, wenn der BMI über P97 liegt, wenn die Perzentilkurve innerhalb eines Jahres zwei Hauptperzentilen überspringt, wenn Beschwerden wie Kurzatmigkeit bei Belastung, Gelenkschmerzen, Schnarchen mit Atempausen oder dunkle Hautverfärbungen in Hautfalten auftreten oder wenn Ihr Kind unter Hänseleien leidet. Dort werden Blutdruck, Blutzucker, Blutfette und Leberwerte geprüft und, wenn sinnvoll, ein strukturiertes Schulungsprogramm für die ganze Familie vermittelt. Für Jugendliche in der Pubertät bietet der BMI-Rechner für Jugendliche eine altersgerechte Einordnung; ab 18 Jahren gelten dann die Grenzwerte aus der BMI-Tabelle.

Häufige Fragen

Ab welchem BMI ist ein Kind übergewichtig?

Ab dem 90. Perzentil der alterstypischen Referenzkurve. Der konkrete BMI-Wert hängt von Alter und Geschlecht ab – bei einem 10-jährigen Jungen liegt P90 etwa bei 20,5, bei einem 14-Jährigen bei 23,3.

Sollte mein übergewichtiges Kind eine Diät machen?

Nein. Bei wachsenden Kindern lautet das Ziel meist, das Gewicht zu halten, während die Größe zunimmt. Diäten gefährden die Nährstoffversorgung und erhöhen das Risiko für gestörtes Essverhalten.

Wächst sich Übergewicht bei Kindern aus?

Manchmal, vor allem bei jüngeren Kindern, die noch viel Längenwachstum vor sich haben. Je älter ein Kind ist, desto wahrscheinlicher bleibt das Übergewicht bis ins Erwachsenenalter bestehen.

Kann Übergewicht bei Kindern hormonelle Ursachen haben?

Das ist selten. Ein Hinweis darauf ist, wenn ein Kind gleichzeitig zunimmt und im Längenwachstum zurückbleibt – diese Kombination gehört ärztlich abgeklärt.

Was ist der Adipositas-Rebound?

Der mittlere BMI sinkt bis etwa zum sechsten Lebensjahr und steigt danach wieder an. Setzt dieser Wiederanstieg deutlich früher ein, gilt das als Hinweis auf ein erhöhtes Risiko für späteres Übergewicht.

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