BMI und Krebsrisiko
Starkes Übergewicht gehört nach Einschätzung der Internationalen Krebsforschungsagentur (IARC) zu den Risikofaktoren für mehrere Krebsarten. Das bedeutet: Die Wahrscheinlichkeit ist im Mittel erhöht – nicht, dass Krebs entsteht oder dass jemand daran schuld wäre.
Wie der Zusammenhang zu verstehen ist
Risikofaktor heißt in der Epidemiologie: In großen Bevölkerungsgruppen treten bestimmte Krebserkrankungen bei Menschen mit hohem BMI häufiger auf als bei Menschen mit niedrigerem BMI. Aus dieser Statistik lässt sich kein Einzelfall ableiten. Die meisten Menschen mit Adipositas erkranken nicht an diesen Krebsarten, und viele Erkrankte hatten nie Übergewicht. Zum Vergleich: Rauchen ist bei Lungenkrebs ein weitaus stärkerer Faktor als Gewicht bei irgendeiner der genannten Krebsarten. Wer den eigenen Wert einordnen möchte, findet die Klassengrenzen in der BMI-Tabelle.
Wichtig ist auch die Blickrichtung. Ein hoher BMI ist kein moralisches Urteil und kein Ergebnis mangelnder Disziplin. Genetik, Medikamente, Schlaf, Stress, Lebensumstände und die Verfügbarkeit von Lebensmitteln bestimmen das Körpergewicht in erheblichem Maß mit. Was sich beeinflussen lässt, lässt sich beeinflussen – der Rest gehört nicht in die Verantwortung des Einzelnen.
Welche Krebsarten betroffen sind
Die IARC hat für eine Reihe von Krebsarten einen ausreichend belegten Zusammenhang mit Adipositas festgestellt. Die folgende Übersicht nennt sie und ordnet ein, welcher Mechanismus jeweils im Vordergrund steht.
| Krebsart | Besonderheit |
|---|---|
| Darm- und Enddarmkrebs | Zusammenhang bei Männern ausgeprägter; Insulin und Entzündung im Vordergrund |
| Speiseröhre (Adenokarzinom) | Auch über Reflux und chronische Reizung der Schleimhaut |
| Magen (oberer Bereich) | Betroffen ist der Übergang zur Speiseröhre, nicht der gesamte Magen |
| Leber und Gallenblase | Enger Bezug zur Fettleber und zu Gallensteinen |
| Bauchspeicheldrüse | Insulinresistenz als naheliegender Weg |
| Niere | Bluthochdruck wirkt zusätzlich mit |
| Gebärmutterschleimhaut | Deutlichster Zusammenhang aller genannten Krebsarten; Östrogen aus Fettgewebe |
| Eierstock | Hormonell vermittelt |
| Brust nach den Wechseljahren | Nach der Menopause stammt Östrogen überwiegend aus dem Fettgewebe |
| Schilddrüse | Zusammenhang belegt, Mechanismus nicht abschließend geklärt |
| Multiples Myelom und Meningeom | Seltenere Erkrankungen mit belegtem Bezug |
Drei Mechanismen, ein gemeinsamer Nenner
Der gemeinsame Nenner ist nicht das Gewicht an sich, sondern das viszerale Fett im Bauchraum. Erstens erhöht Insulinresistenz die Spiegel von Insulin und dem verwandten Wachstumsfaktor IGF-1; beide fördern Zellteilung und hemmen den programmierten Zelltod. Zweitens wandelt das Enzym Aromatase im Fettgewebe Androgene in Östrogen um – nach den Wechseljahren ist Fettgewebe die wichtigste Östrogenquelle, was den besonders deutlichen Zusammenhang bei Gebärmutterschleimhaut- und postmenopausalem Brustkrebs erklärt. Drittens unterhält Fettgewebe eine niedriggradige, dauerhafte Entzündung, die Gewebeschäden und Reparaturvorgänge begünstigt.
Aus diesen Wegen folgt eine praktische Konsequenz: Der Taillenumfang bildet das Risiko genauer ab als der BMI. Grenzwerte sind bei Frauen 80 und 88 cm, bei Männern 94 und 102 cm; ergänzend gilt ein WHtR unter 0,5 – Taille geteilt durch Körpergröße – als günstig. Ein Mensch mit BMI 28 und schmaler Taille hat ein anderes Profil als jemand mit BMI 26 und 105 cm Bauchumfang. Warum diese Unterscheidung so wichtig ist, erklärt die Seite Übergewicht. Der enge Bezug zur Leber wird auf der Seite zu BMI und Fettleber deutlich.
Was sich tun lässt
Ob eine Gewichtsabnahme das Krebsrisiko messbar senkt, ist wissenschaftlich weniger klar belegt als der Zusammenhang selbst – Krebs entwickelt sich über Jahrzehnte, entsprechend schwer sind solche Effekte nachzuweisen. Die Hinweise weisen in eine günstige Richtung, und gesichert ist, dass Gewichtsabnahme und Bewegung Insulinspiegel, Entzündungswerte und Hormonlage verbessern. Bereits 5 bis 10 Prozent des Körpergewichts genügen, um diese Zwischengrößen zu verändern.
Unabhängig davon sind die wirksamsten Schritte gut bekannt und gelten für jeden BMI: nicht rauchen, Alkohol deutlich begrenzen, sich regelmäßig bewegen (etwa 150 Minuten moderat pro Woche), ballaststoffreich essen mit viel Gemüse, Hülsenfrüchten und Vollkorn, verarbeitetes Fleisch reduzieren und Sonnenschutz ernst nehmen. Bewegung wirkt dabei auch ohne Gewichtsverlust, weil sie Insulinempfindlichkeit und Entzündungsmarker unabhängig vom BMI verbessert.
Vorsorge nicht dem Gewicht überlassen
Der wichtigste konkrete Schritt hat mit Abnehmen gar nichts zu tun: Früherkennung wahrnehmen. Die gesetzlichen Angebote in Deutschland gelten unabhängig vom Körpergewicht – Darmkrebsvorsorge über Stuhltest und Koloskopie, das Mammographie-Screening, die Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs, das Hautkrebsscreening und die Prostatauntersuchung. Die genauen Altersgrenzen und Intervalle nennt Ihnen die Hausarztpraxis oder Ihre Krankenkasse.
Ein Hinweis, der oft untergeht: Menschen mit höherem Gewicht nehmen Vorsorgeangebote seltener wahr – unter anderem, weil sie Abwertung erlebt haben. Wenn Ihnen das bekannt vorkommt, sprechen Sie es in der Praxis offen an oder suchen Sie sich eine andere. Ausführlicher dazu die Seite zu BMI und Psyche. Und beachten Sie: Ungewollter Gewichtsverlust von mehr als 5 Prozent in sechs Monaten ist ein Abklärungsgrund, siehe Untergewicht.
Häufige Fragen
Verursacht Übergewicht Krebs?
Übergewicht verursacht keinen Krebs im Sinne eines direkten Auslösers. Die Internationale Krebsforschungsagentur IARC stuft starkes Übergewicht aber als Risikofaktor ein, der die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Krebsarten erhöht.
Welche Krebsarten hängen mit dem Körpergewicht zusammen?
Die IARC nennt unter anderem Darmkrebs, Speiseröhrenkrebs, Krebs im oberen Magenbereich, Leber, Gallenblase, Bauchspeicheldrüse, Niere, Gebärmutterschleimhaut, Eierstock, Schilddrüse, Brustkrebs nach den Wechseljahren, Multiples Myelom und Meningeome.
Wie hängt Bauchfett damit zusammen?
Viszerales Bauchfett ist stoffwechselaktiv. Es erhöht Insulin- und Wachstumsfaktorspiegel, bildet über das Enzym Aromatase Östrogen und unterhält eine niedriggradige Entzündung. Alle drei Wege können das Zellwachstum begünstigen.
Senkt Abnehmen das Krebsrisiko?
Die Datenlage ist hier weniger eindeutig als bei Diabetes oder Bluthochdruck, weist aber in eine günstige Richtung. Gesichert ist, dass Gewichtsabnahme und Bewegung Insulinspiegel und Entzündungswerte verbessern.
Welche Vorsorgeuntersuchungen sollte ich wahrnehmen?
Die gesetzlichen Angebote gelten unabhängig vom Gewicht: Darmkrebsvorsorge, Mammographie-Screening, Gebärmutterhalskrebs-Früherkennung, Hautkrebsscreening und die Prostatauntersuchung. Die Altersgrenzen erfahren Sie in Ihrer Hausarztpraxis.