BMI bei Essstörungen
Der BMI ist bei Essstörungen ein Hilfswert, keine Diagnose. Er schätzt bei Anorexie den körperlichen Schweregrad ein – bei Bulimie und Binge-Eating-Störung liegt er meist im Normalbereich und übersieht die Erkrankung vollständig.
Hilfe und Beratung: Das anonyme und kostenfreie Beratungstelefon der BZgA zu Essstörungen erreichen Sie unter 0221 89 20 31. Wenn Sie sich in Ihren Gedanken ums Essen, ums Wiegen oder um Ihren Körper gefangen fühlen, ist das ein ausreichender Grund anzurufen – unabhängig davon, welche Zahl auf der Waage steht.
Welche BMI-Grenzen in der Diagnostik vorkommen
In der ICD-10, dem in Deutschland verwendeten Diagnoseschlüssel, wird für die Anorexia nervosa ein Körpergewicht von mindestens 15 % unter dem erwarteten Gewicht genannt, ersatzweise ein BMI von 17,5 oder darunter. Diese 17,5 sind kein Schalter, der die Krankheit ein- oder ausschaltet: Die Diagnose stützt sich vor allem auf das Verhalten – selbst herbeigeführter Gewichtsverlust, Angst vor Gewichtszunahme, Körperschemastörung, hormonelle Folgen. Eine Person mit BMI 18,2, die täglich Kalorien zählt, Mahlzeiten auslässt und exzessiv Sport treibt, ist behandlungsbedürftig; eine Person mit konstantem BMI 17,8 seit der Jugend, ohne Symptome, ist es womöglich nicht.
Schweregrade nach BMI – und was sie nicht leisten
Das amerikanische Klassifikationssystem DSM-5 ordnet der Anorexia nervosa bei Erwachsenen Schweregrade nach BMI zu. Sie werden auch in Deutschland zur Orientierung genutzt, etwa bei der Frage nach ambulanter oder stationärer Behandlung.
| Schweregrad | BMI | bei 1,60 m | bei 1,68 m | bei 1,75 m |
|---|---|---|---|---|
| leicht | 17,0 und höher | ab 43,5 kg | ab 48,0 kg | ab 52,1 kg |
| mittelgradig | 16,0–16,99 | 41,0–43,5 kg | 45,2–47,9 kg | 49,0–52,0 kg |
| schwer | 15,0–15,99 | 38,4–40,9 kg | 42,3–45,1 kg | 45,9–48,9 kg |
| extrem | unter 15,0 | unter 38,4 kg | unter 42,3 kg | unter 45,9 kg |
Rechnen Sie es an einem Beispiel nach: 1,68 m, 46 kg. 46 geteilt durch 2,8224 ergibt einen BMI von 16,3 – nach dieser Einteilung mittelgradig. Zur Einordnung: Der WHO-Normalbereich beginnt bei 1,68 m erst bei 52,2 kg (BMI 18,5). Die Differenz von gut 6 kg wirkt klein, medizinisch ist sie erheblich. Ausdrücklich vorgesehen ist, dass Behandelnde von der BMI-Einstufung abweichen, wenn Symptome, Kreislaufwerte oder die Geschwindigkeit des Gewichtsverlusts einen höheren Schweregrad nahelegen.
Warum der BMI hier besonders schlecht funktioniert
Drei Gründe, die in dieser Reihenfolge wichtig sind. Erstens misst der BMI eine Momentaufnahme, keine Dynamik. Ein Verlust von 12 kg in acht Wochen ist gefährlich, auch wenn der Endwert noch bei BMI 19 liegt – der Körper reagiert auf das Tempo, nicht auf die absolute Zahl. Zweitens hängen die akuten medizinischen Risiken kaum am BMI: Herzrhythmusstörungen, ein Ruhepuls unter 40, Kaliummangel durch Erbrechen oder Abführmittel und Elektrolytentgleisungen treten auch bei normalem Gewicht auf. Drittens unterscheidet der BMI nicht zwischen Fett und Muskulatur; bei langem Nahrungsmangel baut der Körper Muskelprotein ab, sodass zwei Menschen mit identischem BMI in völlig unterschiedlichem Zustand sein können. Diese generelle Schwäche der Kennzahl beschreibt auch die Seite zur BMI-Formel.
Bulimie und Binge-Eating: der BMI zeigt nichts
Bei der Bulimia nervosa liegt das Gewicht typischerweise im Normalbereich, also zwischen BMI 18,5 und 24,9. Wer nur den BMI betrachtet, sieht eine unauffällige Zahl – während Essanfälle, Erbrechen oder Abführmittelgebrauch die Speiseröhre, den Zahnschmelz und den Elektrolythaushalt schädigen. Bei der Binge-Eating-Störung liegt der BMI häufig über 30, was leicht als reine Gewichtsfrage fehlgedeutet wird; die Behandlung setzt aber beim Essanfall an, nicht bei der Kalorienbilanz. In beiden Fällen gilt: Ein Wert im grünen Bereich ist kein Entwarnungssignal. Was der BMI grundsätzlich leisten kann und was nicht, ordnet die BMI-Tabelle ein.
Kinder und Jugendliche: Perzentilen statt Grenzwerte
Bis zum 18. Lebensjahr sind feste BMI-Grenzen ungeeignet, weil sich Körperzusammensetzung und Größe laufend ändern. Beurteilt wird stattdessen die Perzentile nach Kromeyer-Hauschild: Werte unter der 10. Perzentile gelten als untergewichtig, unter der 3. Perzentile als deutlich untergewichtig. Noch aussagekräftiger als der einzelne Punkt ist der Verlauf in der Kurve. Ein Mädchen, das über zwei Jahre stabil auf der 50. Perzentile lag und innerhalb weniger Monate auf die 10. Perzentile abfällt, ist auffällig – selbst wenn der absolute BMI von 19 noch harmlos aussieht. Für die Einordnung solcher Werte gibt es den BMI-Rechner für Kinder; die Beurteilung selbst gehört in die kinderärztliche Praxis.
Was statt oder neben dem BMI zählt
In der Behandlung werden mehrere Dinge parallel betrachtet: der Gewichtsverlauf über Wochen und Monate, Kreislaufwerte wie Puls und Blutdruck im Liegen und Stehen, Körpertemperatur, Elektrolyte und Blutbild, bei Frauen das Ausbleiben der Regelblutung, bei längerer Dauer die Knochendichte. Dazu kommt der psychische Befund: Gedankenkreisen ums Essen, Angst vor Kontrollverlust, Rückzug aus sozialen Situationen mit Essen. Für diese Aspekte gibt es keine Standardkorrektur des BMI und keine Formel – sie lassen sich nicht ausrechnen, sondern nur erheben. Deshalb ersetzt kein Rechner im Internet die ärztliche und psychotherapeutische Einordnung. Wenn Sie unsicher sind, ob Ihr niedriges Gewicht Anlass zur Sorge ist, hilft die Seite zu Untergewicht bei der ersten Einschätzung – und danach ein Termin in der Hausarztpraxis.
Häufige Fragen
Ab welchem BMI spricht man von Magersucht?
Die ICD-10 nennt einen BMI von 17,5 oder darunter als Anhaltspunkt. Ein Gewicht unterhalb dieser Schwelle ist aber weder Beweis noch Voraussetzung für die Diagnose, entscheidend sind Verhalten, Gedanken und der Gewichtsverlauf.
Kann man eine Essstörung bei normalem BMI haben?
Ja, und das ist sogar der Regelfall. Bulimie und Binge-Eating-Störung gehen meist mit Normal- oder Übergewicht einher. Der BMI erkennt diese Erkrankungen grundsätzlich nicht.
Was bedeuten die Schweregrade bei Anorexie?
Nach DSM-5 gilt bei Erwachsenen ein BMI ab 17 als leicht, 16 bis 16,99 als mittelgradig, 15 bis 15,99 als schwer und unter 15 als extrem. Der behandelnde Arzt kann davon abweichen, wenn Symptome oder Verlauf es erfordern.
Warum reicht der BMI bei Kindern und Jugendlichen nicht?
Weil sich der Körper noch entwickelt und feste Grenzwerte nicht passen. Beurteilt wird die Perzentile nach Kromeyer-Hauschild, wobei ein Wert unter der 10. Perzentile und vor allem ein Abfall über zwei Perzentilenkurven hinweg auffällig ist.
Wo finde ich schnell Hilfe?
Das anonyme und kostenfreie Beratungstelefon der BZgA zu Essstörungen erreichen Sie unter 0221 89 20 31. Erste Anlaufstellen sind außerdem die Hausarztpraxis und psychotherapeutische Sprechstunden.